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Wollte
man in einer Umfrage den bekanntesten und populärsten Wein
Europas ermitteln, so würde neben dem Bordeaux sicher der
Chianti an erster Stelle stehen. „Ja, ja der
Chianti-Wein“, hieß schon ein Schlager in den fünfziger Jahren,
der die Italien-Sehnsucht der Deutschen musikalisch untermalte. Und doch kennen ihn viele nur als mehr oder minder
mäßigen Begleiter zu Pizza und Pasta beim Italiener um die Ecke, was
seinem Renommée hierzulande nicht unbedingt gut getan hat. |
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Überraschung spiegelt sich dagegen in den Augen des Wein-Laien, der
zum ersten Mal einen mehrere Jahre im Holzfass wundervoll gereiften
Chianti Classico Riserva auf der Zunge hat. So einfach ist das also
doch nicht mit dem Chianti? Nein, gewiss nicht. Wer sich auf eine
Entdeckungsreise nach dem Chianti begibt, der lernt eine eigene,
komplexe Welt des Weines kennen.
Um zu zeigen, wie kompliziert die Sache mit
dem Chianti ist, sei ein Paradoxon vorangestellt: Die Geschichte des
Weines ist zugleich Jahrtausende alt und doch erst wenige Jahrzehnte
jung. Die Trauben wuchsen im alten Tuscien bereits zu
vorchristlicher Zeit, als die Etrusker und später die Römer das Land
bestellten. Man nimmt an, dass selbst der geographische Begriff
Chianti auf den Namen einer etruskischen Familie zurückgeht, die im
Hügelland zwischen Florenz und Siena heimisch gewesen sein soll.
Als Bezeichnung für den Wein taucht der Name
erstmals 1404 auf, als ein Kaufmann in Vignamaggio einen Posten Wein erstand und der
Herkunftsname in den Handelsbüchern festgehalten wurde. Nach allem,
was man weiß, muss es wohl ein recht rauer, gerbstoffreicher und
rustikaler Tropfen gewesen sein, der da in früheren Jahrhunderten
ausgeschenkt wurde. Die in der Toskana heimische Rebsorte Sangiovese
ergibt einen Rotwein, der zwar mit herrlichen Fruchtaromen glänzt,
aber sortenrein ausgebaut eine lange Reifezeit benötigt und dennoch
oft hart und streng mundet.
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Es war das Multitalent Bettino Ricasoli, der
„Eiserne Baron“, in der Mitte des 19. Jahrhunderts einer der
führenden Männer in der italienischen Politik, der als einer der
ersten wissenschaftlichen Önologen einen Leitfaden zur Erzeugung
eines verfeinerten Chianti erstellte: das „Governo all’ uso del
Chianti“. |
Dem neu vergorenen Wein wurde der Most getrockneter
Trauben hinzugefügt, was eine zweite Gärung in Gang setzte und den
Wein am Ende weicher schmecken ließ. Darüber hinaus empfahl der
Baron, weiße Trauben vom Trebbiano und der Malvasia dem Sangiovese
unterzumischen, um dem allzu ruppigen Roten die Ecken und Kanten zu
nehmen. Die Erkenntnisse aus dem Governo flossen ein in ein Gesetz,
das fast hundert Jahre Bestand hatte.
So hilfreich die Empfehlungen Ricasolis auch waren, im Lauf der Zeit
bereitete die darauf gegründete eiserne Chianti-Formel Probleme. Die
gestiegene Nachfrage in den sechziger und siebziger Jahren, als die
traditionelle bastumwickelte Korbflasche zum Symbol für
Urlaubsfreuden in Bella Italia wurde, sorgte dafür, dass viele
Abfüller darauf verfielen, unter der Hand einen größeren Anteil an
weißen Trauben beizumischen oder die eigene Erzeugung mit Wein aus
anderen Gegenden zu strecken. Der Chianti verkam zum Massenwein,
ungeachtet der Bemühungen des Winzer-Verbandes Consorzio Chianti
Classico, den Qualitätsstandard zu heben. Die entscheidenden
Neuerungen kamen jedoch von anderer Seite.
Ein Pionier war der Marchese Mario Incisa
della Rocchetta, der in den vierziger Jahren auf seinem Gut in der
Küstenregion bei Bolgheri Cabernet-Sauvignon-Reben aus dem Bordelais
anpflanzen ließ, weil er sehen wollte, wie sich diese französische
Sorte an den Gestaden des Tyrrhenischen Meeres entwickeln würde.
Nach ersten Enttäuschungen und Anlaufschwierigkeiten gelang der
Versuch, einen Bordeaux-typischen Wein im Herzen Italiens zu
erzeugen, schließlich über Erwarten gut, vor allem dank der
Zusammenarbeit Incisas mit dem Traditionsweingut des Marchese Piero
Antinori und dessen fähigem Kellermeister Giacomo Tachis. Der nach
dem Weinberg Incisas benannte „Sassicaia“ – nach französischem
Vorbild in Barrique-Eichenholzfässern ausgebaut – gewann nachgerade
einen sagenhaften Ruf und wurde trotz seines französischen
Zuschnitts zum Aushängeschild italienischen Weins. Durch diesen
Erfolg bestärkt, experimentierten Antinori und Tachis mit dem
einheimischen Sangiovese und präsentierten erstmals 1971 eine
Assemblage mit Cabernet, den „Tignanello“, der ein neues Zeitalter
für den toskanischen Wein einläutete. |
Viele ambitionierte Winzer
ließen sich durch Antinoris Beispiel anstecken, engagierten gut
ausgebildete Önologen, investierten in moderne Kellertechnologie und
schafften Barriques en masse an. Es war die Geburtsstunde der so
genannten „Super-Toskaner“, die mit ihren nach internationalem
Geschmack perfekt durchgestylten Weinen den großen Vorbildern aus
dem Bordelais Paroli boten.
Die neu kreierten Weine durften aber weder den Namen
Chianti tragen – hier kam ihnen die festgeschriebene Ricasoli-Formel in die Quere –, noch passten sie in das italienische
DOC-System (Denominazione Origine Controllata), das 1963 als
Instrument zur Qualitätskontrolle geschaffen worden war und u. a.
auch die zugelassenen Traubensorten und deren Anteile im Wein
regelte. Es entstand also die paradoxe Situation, dass gerade
etliche der qualitativ besten und interessantesten Weine der Toskana
mit Phantasie-Namen versehen und als simple Tafelweine deklariert
werden mussten. Der Käufer konnte nur aufgrund der horrenden
Preisunterschiede noch feststellen, ob er einen Wein der
Spitzenklasse oder einen dürftigen „Rachenkratzer“ vor sich im Regal
stehen hatte.
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Im Endeffekt hatte der Innovationsschub, der
von den „Super-Toskanern“ ausging, aber entscheidende Rückwirkungen
auf den Chianti. Die mittlerweile antiquierte Ricasoli-Formel wurde
dahingehend modifiziert, dass dem Sangiovese statt dem Anteil an
weißen Trauben nun auch andere rote Sorten beigefügt werden
dürfen. |
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