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Der Region ergeht es wie ihrer Kapitale, der Ruf
hinkt Bedeutung und Schönheit weit hinterher. Das nie wie die Toskana
zum Traumland hochgejubelte Piemont ist zwar weniger volkreich als die
benachbarte Lombardei, aber mit über 25.000 qkm knapp hinter Sizilien
Italiens zweitgrößte Region – nur im Gegensatz zur größten Insel des
Mittelmeeres eben ganz ohne maritimen Wasseranschluss. Die gleißenden
Gipfel von Gran Paradiso, Mont Blanc, Matterhorn und Monte Rosa bilden
den Rahmen hinter sanft gewellten Hügellinien, die übergehen in die
große Stromebene, wo statt Meeren liebliche „Südseen“ locken. Wanderer
durch die vielfältige Kulturlandschaft und Kletterer in zerklüfteten
Bergtälern, Wein-Wallfahrer und Trüffel-Tifosi kennen die verborgenen
Bodenschätze und wissen ihr piemontesisches Paradies sicher vor den
Entstellungen des Massentourismus, der allüberall zerstört, was er zu
suchen vorgibt. Originalität und Charakter haben in Binnenländern
meist den besten Bestand. Das Piemont ist Paradebeispiel dafür, und
dessen Trumpf ist Turin.
Ihre Wehmut konnten die Turiner in reichlich Wermut
ertränken, denn mit Cinzano, Martini und Carpano beherrschen die
Piemontesen schon seit über 150 Jahren den Weltmarkt. Die Industrielle
Revolution und der Triumph der Technik retteten die untergehende Stadt
ins 20. Jahrhundert. FIAT, die „italienische Fabrik für Automobile in
Turin“, ist seit 1899 nur das bekannteste Flaggschiff unter
piemontesischem Steuerruder. Duce Mussolini hinterließ hier wie
überall architektonische Gewaltakte, doch im regelmäßigen Gefüge der
„modernen“ Altstadt fällt die faschistische Monotonie nur wenig
störend ins Auge. Allein in Turin über eine halbe Million „Terroni“,
entwurzelte und ungeliebte Gastarbeiter aus dem unterentwickelten
Süden des eigenen Landes, kurbelten nach dem Krieg (Nord) Italiens
Wirtschaftswunder kräftig an, und heute trägt manches Quartier eher
neapolitanischen Charakter. Das „Rote Turin“ wurde zur Hochburg der
Arbeiterbewegung, und 1975 regierte erstmals ein Kommunist als
Bürgermeister im „Salon von Savoyen“. „Weltverbessernde“ Brigaden,
linke wie rechte, die sich wie mordende Briganten gebärdeten,
bescherten Turin zeitweise die traurige Berühmtheit einer „Kapitale
des Terrorismus“. Die Negativschlagzeilen sollen aber nicht verdecken,
dass Turin nach Mailand Italiens zweitgrößtes Industrie- und
Kommerzzentrum ist und mit 1,2 Millionen einwohnermäßig an vierter
Stelle nach Rom, Milano und Neapel rangiert. Hier in der prosperienden
Po-Polis rollt die Produktion und werden Zukunftsperspektiven entworfen, nicht Steuergelder und
Peterspfennige verwaltet oder lediglich eine gloriose Vergangenheit
ausgestellt.
Charme und Charisma als „verlassenes Versailles“
verlor Turin indes bis heute nicht. Ganz unmittelbar spricht das
aristokratische Ambiente hochgestimmte Seelen an, zumal wenn bei
klarer Sicht die majestätische Alpenkette den Horizont wie eine
schneeweiße Krone bekränzt. 1888, im Deutschen Reich das
„Dreikaiserjahr“, kam der ruhelose, das deutschtümelnde Vaterland
fliehende Friedrich Nietzsche per Eisenbahn und schwärmte voll
Enthusiasmus: „Aber Turin! Das ist wirklich die Stadt, die ich jetzt
brauchen kann!... Aber was für eine würdige und ernste Stadt! Gar
nicht Großstadt, gar nicht modern, wie ich gefürchtet hatte: sondern
eine Residenz des 17. Jahrhunderts, welche nur einen kommandierenden
Geschmack in allem hatte, den Hof und die Noblesse. Es ist die
aristokratische Ruhe in allem festgehalten... Nein, was für ernste und
feierliche Plätze! Und der Palaststil ohne Prätention...
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Die schönsten
Cafés, die ich sah... Diese Arkaden haben bei einem solchen
Wechselklima etwas Notwendiges: nur sind sie großräumig, sie drücken
nicht... Man kann halbe Stunden in einem Atem durch hohe Bogengänge
gehen. Hier ist alles frei und weit geraten, zumal die Plätze, so dass
man mitten in der Stadt ein stolzes Gefühl von Freiheit hat. Hierher
habe ich mein Huckepack von Sorgen und Philosophie geschleppt...“ |
Der himmelhochjauchzenden Begeisterung seiner
letzten Schaffensphase folgte sogleich der zu-Tode-betrübte Absturz in
völlige geistige Umnachtung bis zum Lebensende in Weimar im Jahre
1900. Auf der Piazza Carlo Alberto umarmt der „Antichrist“ voller
empörtem Mitleid einen vom Kutscher gepeitschten Droschkengaul: „Ecce
homo“ – dabei war es doch nur eine geschundene Kreatur! Beide
Schicksalsschriften entstanden in dieser Periode und zeigen einen
Menschen voll innerer Zerrissenheit, der weniger mit Gott als mit
sich, der Kirche und seiner Zeit hadert. Der dichtende Doktor
Gottfried Benn resümierte das triste Ende des „Philosophen mit dem
Hammer“ in einem prosaischen Poem mit Titel „Turin“: „Ich laufe auf zerrissenen Sohlen“, schrieb dieses
große Weltgenie in seinem letzten Brief –, dann holen sie ihn nach
Jena -; Psychiatrie.
Im selben Jahr 1888 wurde der Maler Giorgio de Chirico geboren, dessen surrealistische „pittura metafisica“ in vielen
seiner Werke Bezug nimmt auf „Nietzsche in Turin“. Der Erdenker des
kommenden „Übermenschen“-Messias und die so vornehm-vernünftige Stadt
befruchteten sehr den besonders in Italien favorisierten Futurismo,
der sich in der Folge jedoch zwischen Faschismus und Esoterik aufrieb
und fröhliche Urstände nur noch feiert in fashionablem Design alla alta moda. |